Schatzkiste Juli 2018

schatzkiste juli18

Foto: B. Dietler, Shanghai 2010

Wenn du es eilig hast, gehe langsam.

Lothar J. Seiwert

 

Seit einiger Zeit fällt mir auf, wie oft im Alltag das Wort schnell verwendet wird – auch von mir. Sätze wie: «Ich gehe noch schnell einkaufen.» oder «Ich bin dann mal schnell bei der Nachbarin.» sind mir sehr vertraut. Auch bei anderen nehme ich solche Formulierungen häufig wahr.

Schnell als das Mass so vieler Dinge? Will ich das wirklich?

Ich habe begonnen, jedes Mal, wenn ich mich bei einem Satz mit dem Wort schnell drin erwische, zu überprüfen, ob das so stimmt. Falls nicht, formuliere ich den Satz neu und sage: «Ich gehe einkaufen.»

Immer öfter gelingt es mir, diesen Unterschied zu machen und ich merke, wie sich dieser veränderte Sprachgebrauch auch auf mein Handeln auswirkt.

Meine inzwischen mittelschwer demente Mutter ist mir eine wunderbare Lehrmeisterin der Entschleunigung. Immer wieder endete es in beiderseitiger Frustration, wenn ich direkt von der Arbeit zu ihr ging. Am schlimmsten war es, wenn ich sie für einen Termin bereitmachen sollte. Schliesslich erkannte ich, dass ich mein Arbeitstempo mitgebracht hatte und sie damit überforderte. Inzwischen übe ich mich auf dem Weg in den dritten Stock zu ihrer Wohnung bewusst in Langsamkeit. Ich steige langsam, tief atmend, mit einem Lächeln die Treppen hoch. Und so begrüsse ich sie dann auch. Ich spreche langsam und wir machen eines nach dem anderen schön langsam, mit Gelassenheit und Humor meinerseits.

Und siehe da – auf diese Weise haben wir bisher noch jeden Termin geschafft – und wir sind beide gut gelaunt.

In diesem Zusammenhang fällt mir die folgende Geschichte von Till Eulenspiegel ein, welche mir schon in jungen Jahren gut gefallen hatte:

Till Eulenspiegel ging eines schönen Tages mit seinem Bündel an Habseligkeiten zu Fuß zur nächsten Stadt. Auf einmal hörte er, wie sich schnell Hufgeräusche näherten und eine Kutsche hielt neben ihm.
Der Kutscher hatte es sehr eilig und rief: “Sag schnell – wie weit ist es bis zur nächsten Stadt?”
Till Eulenspiegel antwortete: “Wenn Ihr langsam fahrt, dauert es wohl eine halbe Stunde. Fahrt Ihr schnell, so dauert es zwei Stunden, mein Herr.”
“Du Narr”, schimpfte der Kutscher und trieb die Pferde zu einem schnellen Galopp an und die Kutsche entschwand Till Eulenspiegels Blick.
Till Eulenspiegel ging gemächlich seines Weges auf der Straße, die viele Schlaglöcher hatte. Nach etwa einer Stunde sah er nach einer Kurve eine Kutsche im Graben liegen. Die Vorderachse war gebrochen und es war just der Kutscher von vorhin, der sich nun fluchend daran machte, die Kutsche wieder zu reparieren.
Der Kutscher bedachte Till Eulenspiegel mit einem bösen und vorwurfsvollen Blick, worauf dieser nur sagte:
“Ich sagte es doch: Wenn Ihr langsam fahrt, eine halbe Stunde…”

Jorge Bucay, Geschichten zum Nachdenken

 

Diese Geschichte zeigt uns, dass es sich lohnt, gut zu überlegen, wo man schnell unterwegs sein kann/will und wo eben nicht (Schlaglöcher).

Für den Fall, dass ich mich im Alltag mal wieder selbst zu überholen riskiere, habe ich mir ein persönliches Ritual antrainiert: Ich atme mindestens fünf Mal tief ein und aus, versetze mich dabei in den warmen Sand und höre das sanfte Rauschen des Meeres. Dazu lächle ich, spüre die Sonne auf meiner Haut und rieche die salzige Luft.

Ich wünsche dir viel Freude und Genuss beim Wiederentdecken deiner Langsamkeit.